Probeneindrücke „Frühlings Erwachen“ von Dr. Anne König
Die Zeit verging wie im Fluge…
Die Probe begann „gestückelt“, aber auch diese Bruchstücke ließen ahnen, wie viel Komplexität das Thema birgt.
Spannend wurde es, als 2/3 des Stücks einmal in Gänze durchgespielt wurde. „Frühlings Erwachen“ nach Daniel Wahl ist eine komplexe „Cross-Over“-Produktion, die Wedekinds 100-jähriges Skandalstück zum Erwachsenwerden verschränkt mit „Kids“ von Clark, einem Jugendfilm aus dem heutigen Amerika. Außerdem lässt das Stück die Älteren und Eltern in Dialog treten mit den Heranwachsenden.
Die Wedekind-Protagonisten Wendla, Melchior, Moritz treten im Doppelpack auf, einmal als Jugendliche, zum anderen gealtert, gereift und lebend oder tot. Darüber hinaus konfrontiert Daniel Wahls „Frühlings Erwachen“ die (bildungs-) bürgerliche Welt Wedekinds mit der gegenwärtigen Jugendkultur einer großstädtischen Unterschicht und lässt so Klassenunterschiede sprachlich und darstellerisch heftig aufeinander prallen. Das ist durchaus provokant – aber genau das richtige Maß an Provokation!
Wer befürchtet, hier würde Verrat an den Zielen von Werte erleben e.V. betrieben, den kann ich beruhigen: Natürlich gibt es ein paar deutlich anzügliche Ansagen der „Kids“(schließlich geht es in diesem Stück um das Hineinwachsen in Sexualität). Sie stehen im Kontext einer Jugend von heute und vor 100 Jahren, die ihre Sexualität entweder gehemmt und verklemmt oder freizügig promisk mit allen Konsequenzen (Selbstmord oder HIV…) erfährt.
Obgleich grenzwertig sind diese Textteile doch maßvoll eingesetzt und nah an der Sprache und Lebenswirklichkeit nicht aller, aber eben auch: nicht weniger Jugendlicher.
Besonders faszinierend ist, wie aus der komplexen Gemengelage bleibende Eindrücke entstehen. Früher war nicht unbedingt besser (Prügelstrafen-Erinnerungen…), manches hat sich nicht maßgeblich verändert. Ob Moriz, Melchior, Wendla in gehemmtem Schweigen oder die Kids als beziehungslose Prahler, deutlich wird über das Stück, dass Sexualität kein Wert an sich ist. Die assoziativen Verknüpfungen JUNG-ALT, Wedekind-Kids fügen sich so zusammen, dass Momente großer Intensität gelingen und Emotionen mit Gänsehautfeeling erzeugt werden.


